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Gesprächsforum

Die deutsch-polnische Zusammenarbeit
am Beispiel der Doppelstadt Frankfurt (Oder) – Słubice


Referent:
Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt (Oder), Martin Patzelt
(2002 – bis Mai 2010 im Amt)

Einleitend wurde ein kurzer Überblick über die Geschichte des heute polnischen Teils der Stadt – Słubice – gegeben:
In den ersten Maitagen 1945 wurde eine neue (polnische) Verwaltung aufgebaut. Die Sowjet-Armee errichtete eine provisorische Brücke über die Oder, denn noch waren die Kampfhandlungen des Krieges nicht beendet. Am 8. Mai 1945 kehrten erste deutsche Zivilisten in die Dammvorstadt zurück, aus der sie zunächst geflohen waren.
Anfang Juni 1945 lebten einem polnischen Bericht zufolge 8.000 Deutsche und nur 80 Polen „im Bereich Słubice“ (unklar, welcher Bereich). Zum 15./16. Juni ordnete der polnische Verwalter die Ausweisung aller Deutschen an. Nach offiziellen Angaben blieben fünf Deutsche und sieben Juden zurück, die tatsächliche Zahl liegt aber vermutlich höher.
Am 02. August 1945 wurde die Teilung der Stadt in ein deutsches Frankfurt und ein polnisches Słubice durch die Potsdamer Konferenz offiziell besiegelt.
Der nächste Schritt war die Ansiedlung polnischer Vertriebener aus den ehemaligen ostpolnischen Gebieten (vor allem Weißrußland, Ukraine). 1950 hatte Słubice etwa 3.000 Einwohner, die Zahl von 15.600 Menschen, die 1939 dort gelebt hatten, wurde erst Mitte der 80er Jahre erreicht.

Offizielle Kontakte mit Frankfurt kamen erst 1956, seit dem Ende der Stalin-Ära, zustande. Sie bezogen sich vor allem auf den politischen, wirtschaftlichem, kulturellen und sportlichen Sektor. Ab Januar 1972 war visafreier Reiseverkehr möglich, er wurde jedoch 1980 seitens der DDR-Führung wieder eingestellt – im wesentlichen aus konkurrenz-wirtschaftlichen Gründen.
Die Einigung Deutschlands 1990 brachte zunächst eine Änderung der Verhältnisse mit sich:

  • Neue EU- Außengrenze - Wirtschafts- und Sozialgefälle

  • Gegenseitige Ablehnung, Ressentiments, Stereotypen

  • Über Medien verbreitetes Negativimage

  • Fehlende Sprach- & Kulturkompetenz

  • kaum Zusammenarbeit

  • Visapflicht für Polen


Um diesen der Verständigung nicht dienlichen Fakten zu begegnen, wurde eine Strategie entwickelt, die ein positives Zusammenleben der beiden Stadtteile ermöglichen sollte. U. a. wurden in den 90er Jahren die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt wieder eingerichtet, das Collegium Polonicum in Słubice, die Euroregion Pro Europa Viadrina gegründet, 1994 ein gemeinsames Strukturkonzept erarbeitet, gemeinsame Jugendprojekte und ab 2000 eine deutsch-polnische Seniorenakademie ins Leben gerufen. Dem Streben nach Zusammenarbeit und gegenseitiger Verständigung galten gemeinsame kulturelle Veranstaltungen auf allen Gebieten der Kunst.
Besonders sind zu erwähnen die seit 1993 (mit dreijähriger Unterbrechung) gemeinsamen Stadtverordnetenversammlungen, Bürgermeisterberatungen sowie auch die Zusammenarbeit in internationalen Netzwerken. Teilschritte dieser gemeinsamen Aktivitäten lassen sich ablesen am:

  • „Programm für die gemeinsame Entwicklung und Zusammenarbeit der Städte Frankfurt (Oder) und Słubice zur Europastadt“

  • „Erarbeitung eines beide Städte umfassenden gemeinsamen Stadtmarketingkonzeptes“

  • …. u.v.m.


Die Verwirklichung dieser Ziele wurde behindert durch die fehlende Sprach- und Kulturkompetenz, wechselnde Ansprechpartner, unterschiedliche Verwaltungsstrukturen und mangelnde Koordinierung und Finanzierung.
Herr Patzelt erzählte in beeindruckender Weise von seinen und seiner „Mitstreiter“ Bemühungen, die Schwierigkeiten zu meistern – wobei die Ideen nicht ungeteilte Unterstützung in der Bevölkerung fanden. Alte Denkmuster, immer noch vorhandene Vorurteile, aber auch gewisse Besorgnisse und Ängste stellten sich vielen Vorhaben immer wieder in den Weg.
Vom 4. – 6. Juni 2009 fand in Słubice eine „Zukunftskonferenz“ statt, bei welcher Themen erörtert wurden, wie

  • Was ist uns die Gemeinsamkeit wert? Auch Verzicht auf eigene Einrichtungen? Gemeinsame Finanzierung von Investitionen auf der einen wie anderen Seite der Oder? Etablierung gemeinsamer Verwaltungsbausteine? Freizügigkeit von Arbeit, Bildung, Kultur, Gesundheit, Erziehung, Freizeit, … ?

  • Sind wir (schon) eine Europastadt?  (wollen wir eine sein?)

  • Einbeziehung der Bürgerschaft im Gesamtprozess ist unverzichtbar!


Die Konferenz brachte das Ergebnis: Klares Bekenntnis für die Doppelstadt Frankfurt- Słubice

  • nicht als Ersatz für Frankfurter und Slubicer Strukturen sondern als kluge und absolut notwendige Ergänzung!

  • Unterscheidungsmerkmal von anderen mittelgroßen Städten

  • interessant für Investoren, Touristen, Fördermittelgeber

  • Höhere Lebensqualität erreichbar


Die Doppelstadt Frankfurt – Słubice (es gibt das Kunstprojekt „Słubfurt“) soll eines Tages die

Modellstadt für Europäische Integration und
kulturelles Zentrum der deutsch-polnischen Region

sein.

Allen den genannten Arbeiten zu Zusammenarbeit, Gemeinsamkeit und gegenseitigem Verständnis und auch wirtschaftlichem Fortkommen stellte Herr Patzelt immer wieder die Brückenfunktion der Doppelstadt voran. Nicht zuletzt sollten alle Anstrengungen beispielgebend für eine friedliche Zukunft sein.
Die Zuhörer dieses Vortrags im Haus Brandenburg waren von dem Vortrag sehr beeindruckt und dankten Herrn Patzelt. Die anschließende Diskussion bewies das große Interesse, das den Ausführungen des Referenten gezollt wurde.

Foto der Oderbrücke in Frankfurt (Oder)

Fotos: Bernd Thiel

Foto zeigt den Referenten und den Kurator
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