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Gesprächsforum

Die Westverschiebung Polens –
getrennte oder gemeinsame Geschichte?


Die Veranstaltung zu diesem Thema fand mit zwei Referenten statt:
Frau Dr. Hanna Nogossek, Deutsches Historisches Museum, Berlin, und Herrn Dr. Krzystof Wojciechowski, Collegium Polonicum, Sŀubice (Frankfurter Vorstadt), Polen.

Frau Dr. Nogossek: Die deutsch-polnische Geschichte im Verhältnis der beiden Nationen zueinander sei anders zu betrachten als z.B. das deutsch-französische Verhältnis. Unser Thema ist die Gegenwart. Die Gegenwart zu betrachten ist heute schwierig, weil auch innerhalb Deutschlands so unterschiedliche Erfahrungen gemacht wurden. Sowohl in Polen als auch in der ehemaligen DDR ist das Thema erst jetzt möglich und interessant geworden. Publikationen aller Art kommen sowohl in Polen als auch in Deutschland auf den Markt, unterschiedliche Leser – alte und junge – haben Zugang zur Literatur beider Länder. Dennoch erschwert die Sprachbarriere eine intensivere Verständigung. Zu bedauern sei auch, dass in den deutschen Schulen das Angebot an polnischem Sprachunterricht, im Gegensatz zum Angebot der deutschen Sprache an polnischen Schulen, so gut wie gar nicht genutzt werde. Abgesehen vom Sprachunterricht lasse auch der Geschichtsunterricht zum Thema Deutschland – Polen sehr zu wünschen übrig, in vielen Lehrplänen – vor allem leider gerade in Brandenburg – ist eine deutsch-polnische Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht vorgesehen. Frau Dr. Nogossek betonte, dass es erforderlich sei, über das Erlebte zu sprechen und dass dieses Sprechen sehr persönlicher Natur sei. Es müsse stattfinden, solange noch Menschen der Erlebnisgeneration da sind.
Der polnische Referent, Dr. Wojciechowski, hob hervor, dass die Westverschiebung der polnischen Grenzen (gemeint ist nicht nur die Verschiebung der polnischen Grenze an die Oder-Neisse-Linie, sondern auch die weißrussisch-ukrainische Verschiebung) sowohl ein „Streit­feld“ als auch Konfliktursache ist. Zum einen beinhalte das Thema in Bezug auf Deutschland eine „moralische Genugtuung“, zum anderen existiere immer noch die „Revan­chismusfurcht“ vor einer Rückkehr der Deutschen in jetzt polnisches Gebiet. Unter diesen Gesichtspunkten sei eine Einigung zum gegenseitigen Frieden erschwert, vor allem auch, weil die jeweiligen Leiden, und damit die Opferrolle, auf beiden Seiten im Vordergrund stehen. Eine konstruktive Aufarbeitung der geschichtlichen Ereignisse und ihrer Folgen kann erst dann wirklich erfolgen, wenn in Polen nicht mehr Leid gegen Leid aufgewogen wird und wenn in Deutschland die Vertreibung nicht nur als eigenes, sondern auch als ein polnisches Schicksal akzeptiert wird. Den Betroffenen beider Völker sei doch das Heimatgefühl gemeinsam. Auf beiden Seiten müsse eigene Schuld anerkannt werden. Allerdings sei in Polen vielfach zu erkennen, dass diese Thematik eine vehemente Ablehnung erfahre.
Wichtig sei es, gemeinsames Erzählen der eigenen Geschichte zu fördern und zu verbreiten, man muss sich rückhaltlos die Wahrheit sagen, und zwar ohne sich in Schuldzuweisungen zu verstricken. Berichte beider Seiten müssen an die jeweils andere Seite weitergegeben werden. Es sei nicht hilfreich, immer nur die eigene Geschichte zu betrachten. Hierzu wurde in der anschließenden lebhaften Diskussion u.a. darauf hingewiesen, dass durch die sehr häufigen Besuche von Deutschen in ihrem früheren Heimatorten ein großer Teil dieser gegenseitigen Erzählungen bereits stattfindet und durchaus zu Freundschaften und gemeinsamem Verstehen geführt hat, solche Ergebnisse aber nur bedingt an die Öffentlichkeit gelangen – und das gerade sei doch vonnöten. In den Medien werden z.B. die Gegensätze nationaler Art hervorgehoben und aufrecht erhalten.
Diese Veranstaltung war, wie die vorangegangenen, wieder sehr gut besucht. Eine anwesende Oberschulklasse (Oberstufe) verfolgte alle Ausführungen mit großem Interesse. Auch wenn die Schüler sich nicht an der Diskussion beteiligten, so hörten sie doch gespannt und ernsthaft zu.
Der Jugend wird es leichter fallen, sich mit der Zukunft zu befassen und sie konstruktiv zu gestalten. Erinnerung sei wichtig, aber sie dürfe nicht den Blick in eine friedliche und vertrauensvolle gemeinsame Zukunft beider Völker verschleiern, behindern oder gar versperren. Leben wir doch schon seit mehr als 60 Jahren mit dem Vergangenen, und als solches sollten wir es auch annehmen. Wir - das sind Polen und Deutsche.

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